Familienbande

Ein Wochenende hat mich etwas versöhnt mit dem, was seit dem Tod unserer Mutter so an Gefühlsachterbahn passiert ist.

Es war ein entspannter Abend in entspannter Umgebung. Alle sitzen an einem Tisch, ein leerer Stuhl steht daneben – symbolisch, als würde sie mit am Tisch sitzen und uns zuhören. Sie war präsent. In jedem Wort, jedem Lachen, bei jedem Anstoßen mit den Gläsern. In Gedanken, im Herz.

Sie hätte sich gefreut, dass wir alle den weiten Weg gegangen sind und uns an diesen gemeinsamen Tisch gesetzt haben. Nein, es gab nie Streit, aber großes Schweigen. Und das ist aufgelöst.

Wir haben über so viele Dinge gesprochen, mehr als in den ganzen letzten Jahren. Und es war locker und leicht. Mit viel Gemeinsamkeit, Schmunzeln aber auch Widerspruch. Es hat sich gut angefühlt.

Und am Ende haben wir beschlossen, dass wir dies wieder tun. Jedes Jahr, im Mai um ihren Geburtstag herum. Damit wir mit ihr anstoßen können: auf das Leben, auf uns, auf unsere Familie. Und damit wir unsere Bande nie auflösen – so fest wie sie gerade ist, soll sie bleiben.

Ich bin mit viel Leichtigkeit im Kopf und im Herz nach Hause gefahren. Erschöpft und glücklich, mit Plänen und Zusagen. Und mit dem Gefühl, dass wir wieder viel mehr Verständnis füreinander haben.

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Wenn der Krebs und der Tod gemeinsam auf der Matte stehen

Am 09.08.2022 ist für mich einen Moment die Welt stehen geblieben.

Ein Telefonanruf riss mich zu Boden, machte mich fassungslos und für Wochen danach fast sprachlos.

Ja, ich wusste, dass dieser Moment kommen würde – ich hatte nur zutiefst gehofft, dass es nicht so schnell geht. Ja, ich wusste, dass ich gut vorbereitet war – aber im Kopf fühlt sich das immer anders an als im Herz und in der Seele.

Da ist plötzlich ein großes Loch, in das man alle seine Wünsche, ungesagten Worte, Gedanken an Vergangenes und Zukünftiges hineinwirft und es einfach so verschwindet.

Da hat man plötzlich die Aufgabe zu funktionieren, zu organisieren, sich Vorwürfen zu stellen oder reden und tun zu müssen, obwohl man gar nicht die Stimme und die Kraft dazu hat. Ich bin wie betäubt umher gelaufen.

Von der Diagnose Bauspeicheldrüsenkrebs bis zum letzten Tag sind gerade mal 1 1/2 Jahre vergangen. Ein halbes Jahr davon war geprägt von Hoffnung, Besserung, Unternehmungen, Freude und Kraftschenken. Zeit gemeinsam verbringen können, viel miteinander reden dürfen. Der Rest war: Klinik, Reha, wieder Klinik, Palliativ. Meine Machtlosigkeit, das Zusehen müssen, wie der mir so nah stehende Mensch im wahrsten Sinne des Wortes vergeht – das hat mich sehr bitter werden lassen. Ich habe eine dicke Schutzmauer gebaut, keine Berührung mehr ertragen, Empathie verloren. Bis hin zum ständigen Streit mit meinen Liebsten, die das nicht verdient hatten. Aber ich konnte nicht mehr anders.

Und nun lebt sie nicht mehr.

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Ausnahmezustand

Corona hat die Welt im Griff.
Das ganze Leben ist plötzlich auf den Kopf gestellt.

Auch wenn es mich nicht so trifft, auch wenn ich so extrem ruhig bin. Corona hat auch mich im Griff.

Ich bin jetzt schon seit 3 Wochen im ständigen Home-Office. Zuerst freiwillig, um sich nicht ungewollt der Ansteckung auszusetzen. Dann kurze Zeit später verordnet, weil im Projekt ein Verdachtsfall aufgetreten ist. Und dann vorgeschrieben durch Vernunft, um möglichst wenig Angriffsfläche zu bieten.

Vielleicht ist dieser Schutz durch das Haus auch gleichzeitig ein Schutz für meinen Kopf, meine Seele, mein Herz, mein Gefühl. Während sich draußen die Welt an diesem Virus abkämpft (oder der Virus an der Welt, wer weiß das schon so genau), bin ich die Ruhe in Person. klares Denken, klare Entscheidungen. Vorlagen – Beschluss – ToDo – Informationen an die Betreffenden. Viel Schreiben. Viel Lesen.

Konferenzen werden plötzlich digital – effektiv und schnell. Nähe entsteht durch Sätze im Chat und kleine Randbemerkungen im Notes.

Und ich funktioniere, als wäre es das Normalste der Welt. Im Ausnahmezustand.

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Letzter Tag

Das war ein langer Abschied. Das Büro ist leer und ist jetzt kalt. Wenn nicht die Pflanzen von Regina stehen würden, könnte man meinen, das es endgültig ist.

Eigentlich wollte ich schon lang zu Hause sein und diesen Tag so nehmen, wie er gerade ist – als Abschied. Doch die Gespräche ziehen sich in die Länge. Bei mir kam das Gefühl auf, dass da jemand gar keinen Abschied will und hofft, dass es doch nicht so ist.

Ich bin gar nicht traurig. Sehr entspannt und freundlich. Mich kann heute gar nichts aus der Ruhe bringen und genieße das auch. Gibt es das, dass man auf eine Szene von außen draufschaut und gespannt ist, was als nächstes passiert. Und dabei mittendrin ist. 

Alles abgeben ist wie Ballast abwerfen. Schön, dass dieses Stück-für-Stück-auf-den-Tisch-Legen kein ungutes Gefühl ist. Und dem Streit um den Locher (Filmzitat) bin ich gleich aus dem Weg gegangen (ich hab ihn stehen lassen). 🙂

Die Tür zuschließen kann ich nicht (ohne Schlüssel gehts halt nicht), aber jetzt nur noch mit Anmeldung reinkommen ist fast das Gleiche. Adieu.

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Schatzkiste

Auf dem Weg nach Hause ist mir das richtige Wort eingefallen. Es ist ein Schatz. Eine Schatzkiste.

Gefühle, Erlebnisse, Gedanken, Beziehungen, Worte, Erinnerungen, Vergangenheit – all das in einer eigentlich recht unscheinbaren Blechschachtel. Aber es ist wie ein Geschenk, welches man annimmt und mitnimmt. Real gefüllt mit Papier, Stiften, Namen auf einer Karte, ganz persönlichen Worte in einem Brief.

Das ist so ein großes Paket, was da jetzt vor mir steht – 7 Jahre Leben und Arbeit.

Es ist ein Schatz.

Aus dem ich schöpfen kann und werde. In den nächsten Jahren auf jeden Fall. Und ich hoffe so sehr, dass diese eine Zeile auf der Karte Wirklichkeit ist: „Man sieht sich immer 2 Mal im Leben“. Der Abschied ist schwer gefallen, auch wenn ich die ganze Zeit gelächelt habe, wenn ich vor Vorfreude das Grinsen aus dem Gesicht gar nicht mehr rausbekommen habe. Auf er Heimfahrt laufen die Tränen vor Rührung. Da wird mir bewusst, wie sehr ich doch bei den Kollegen war, wie sehr ich doch dieses ganze Team doch gern habe, wie sehr ich dazu gehört habe. Und wie sehr sie mir alle fehlen werden.

Danke an Euch. Danke für die 7 Jahre. Und danke für den Schatz, den ich jetzt bei mir habe.

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Laufen

Auch wenn ganz Deutschland gerade unter einer Hitzewelle stöhnt und jeden Tag die 30-Grenze locker erreicht wird, lasse ich nicht nach.

Laufen – seit April wieder so aktiv, dass mir schon etwas fehlt, wenn ich es nicht tue.

Angefangen mit einem Aufruf in der Zeitung. Couch tauschen mit Laufschuhen – fit werden und am Ende im September den Wolfsburger Marathon mitlaufen. Nicht auf der Königsstrecke, aber immerhin die 10 km als Ziel vor den Augen. Am Anfang waren es kleine Schritte. 2 min Laufen, 3 min Gehen – so begang die allererste Trainingsstunde. Damals habe ich nie geglaubt, einmal am Stück länger als eine Stunde Laufen zu können.

Es geht. Es geht gut, ich tu es gern. Genieße die frühe Morgenstunde, in der dann auch noch Rehe vom Feld in den Wald wechseln und mir nahe legen, die Sonne nicht zu sehr zu genießen. Oder der Feldhase, der sich in seiner Abendruhe gestört fühlt und hakenschlagend ein Stück meinen Weg begleitet. Oder die alte Bahnlinie, markiert mit den Kilometersteinen, ausgebaut zu einem schönen Laufweg und mir Ansporn gebend für die zurückgelegte Strecke.

Die Zeit wird protokolliert. Hier merke ich, wie sehr ich diese Bestätigung brauche. 7 km geschaft; 50 min geschafft; heute nur 4 km, dafür aber schneller als sonst; ja, Hausaufgaben erledigt. Manchmal mit dem Fahrrad unterwegs.

Jetzt läuft der Countdown und ich verzage. Schaffe ich die 10 km wirklich ? Hab ich mir zuviel vorgenommen ? Werde ich irgendwann auch mal schneller ? Hab ich genügend Kraft und Energie um durchzuhalten ?

Laufe ich weg ???

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Krebs ist ein Arschloch

Liebe Evi,

dies ist ein Brief, der so lang in meinem Kopf gelegen hat, dass er Dich nicht mehr erreicht hat.

Ich glaube nicht an Gott oder Wiedergeburt, aber ich habe die Hoffnung, dass die Gedanken, die ich festgehalten habe, Dich doch noch irgendwie erreichen und begleiten. Die letzten Monate habe ich so intensiv erlebt und über Dich erfahren, wie viele Jahre vorher nicht.

Es ist schon eigenartig, Du warst immer da. Immer da, wenn wir Kinder uns beim von der Schaukel springen die Knie aufgeschürft haben, warst da, wenn wir das ganze Bad vom Opa so überschwemmt haben und dann glückselig in das weiche Handtuch eingekuschelt wurden vorm ins Bett gehen. Warst da, als ich meine schlimmsten Verluste erlitten habe – hast mich angerufen, mich getröstet, mich ermutigt weiterzumachen. Du warst immer da und für mich immer verbunden mit dieser schönen Stadt. Bautzen und Du – Ihr wart für mich eine feste Größe.

Viele Jahre durfte ich nicht zu Dir, konnte nur über Umwege mit Dir sprechen. Mutti hat mir viel von Dir erzählt, sie hatte in Dir immer ihre zweite Hälfte. Du warst für sie wichtig, sie hat sich Rat geholt, sie hat sich mit Dir gefreut, hat mit Dir gelitten, hat mit Dir geweint und gehofft. Sie wollte Dich stark machen und hat Dich doch auch in ihre Arme genommen. Manchmal denke ich, Du warst die Stärkste von uns allen – Du hast die meiste Kraft für Dein Leben gebraucht und Du hast immer viel Kraft für alle andere abgegeben.

Du hast die letzten Monate deines Lebens auf der einen Seite genießen können, hast Dir Wünsche erfüllt, die klein aber umso drängender waren. Auf der anderen Seite war die Krankheit in den letzten Monaten für Dich die größte Last Deines Lebens. Ich bewundere, wie Du damit umgegangen bist.

Du hast viel gelacht und gelächelt. So viel wie viele Jahre nicht. Du hast Deine Kinder zum zusammen reden gebracht. Einig sind sie sich nicht, aber sie haben wenigstens wieder miteinander gesprochen. Du hast die Hochzeit Deiner Enkelin erleben dürfen, auf den Fotos siehst Du glücklich aus, sehr glücklich und zufrieden. Da hat eine etwas getan, was Du Dir gewünscht hast: Unabhängigkeit, Selbständigkeit, Freude am Leben, eine liebevolle Familie, Vertrauen und Gemeinsamkeit. Ich freue mich so sehr, dass Du das noch erleben konntest und weißt, dass es das in Deiner Familie gibt.

Liebe Evi, als ich erfahren habe, dass Du den Kampf verloren hast, war das nachhallende Echo: Krebs ist ein Arschloch. Zeilen in einem Tweet, so krass und hart und deshalb genau das, was ich gefühlt habe. In dem Moment hatte ich keine Tränen.

Du bist die zweite Hälfte von meiner Mum. Du fehlst ihr. Was kann ich tun ? Hast Du einen Rat für mich ?

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Verrückte Welt und normale Frau

Ich habe gerade das Gefühl, dass die ganze Welt verrückt ist.

Und ich bleibe dabei so völlig normal, ruhig, unaufgeregt. Dabei habe ich Angst, Wut, bin enttäuscht, frustriert. Aber ich bin ruhig, normal, so gar nicht aufgeregt, nicht laut. Wie kaltgestellt. Erzogen zum Nichtssagen, Nichtstun, …

Ich habe Angst vor diesen Egomanen, die in Russland, Ungarn, der Türkei und neuerdings in den USA regieren. Ich habe Angst, weil das so weit weg von Demokratie ist, wie es nur sein kann. Alte autokratische Männer fangen an, unsere Welt zu regieren. Und wir sind so machtlos, willenlos, lassen alles geschehen, warten ab.

Die Welt ist verrückt, nur ich bin es nicht.

„Du bist ein Solitär“ – wow, so ein Feedback. Ein einzeln gefasster Edelstein, aber auch eine einzelne Pflanze, ein besonderes hervorstehendes Bauwerk, etc. Bin ich einsam oder einzigartig ? Bin ich allein oder Besonders ?

Ich bin normal.

Ein Weg beginnt mit dem ersten Schritt. Ich bin auf dem Weg, habe den ersten Schritt gefühlt getan. Aber im Moment stehe ich nur rum. Obwohl ich mich gerade so unwohl fühle, weil ich nichts tue. Nichts tue gegen genau das, wovor ich gerade so viel Angst habe.

Ich will etwas tun. Auf jeden Fall meine Meinung sagen. Wenigstens das.

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Zu Hause

Seitdem ich die Kilometerzahl auf der Autobahn deutlich reduziert habe, ist auch mein digitales Mitteilungsbedürfnis geringer geworden.

Die Menschennähe lässt spüren, dass Digitales immer nur Ersatz für nicht vorhandenes persönlich Berührendes. Das ist so, als wäre dieses „1“ und „0“ ausreichend für die große Entfernung, wie Gänseblümchen  –  er liebt mich  –  er liebt mich nicht  –  ich bin da  –  ich bin nicht da  –  ich bin zu Hause  –  Du bist weit weg….

Die Blätter sind alle und ich muss den Stengel nicht wegwerfen, ich kann mich auf die Wiese legen, Schneeengel spielen und die Gläser am Abend klingen lassen, wenn der Grill raucht und die Türen weit offen stehen. Wieder angekommen.

Worte stehen nicht mehr auf dem weißen Hintergrund im Messenger sondern füllen den Raum. Kommen an und zaubern Lachfalten ins Gesicht, oft jedenfalls. Manchmal wird es auch lauter und manchmal zeigt sich, dass die Haut sehr dünn geworden ist unter der Spannung der Entfernung. Dann ist diese Anziehungskraft wieder anziehend, die Tränen nur kurzlebig und schnell getrocknet unterm Tempo von Dir.

Plötzlich gibt es auch wieder das Gefühl von Leichtigkeit, dass sich einstellt, wenn man unter Freunden nicht so Ernst genommen wird und sich trotzdem Ernst genommen fühlt. Wenn man mit beiden Rädern auf der Straße steht und gemeinsam Flügel bekommt im Fahrtwind.

Ich bin zu Hause.

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